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Glauben und Zweifeln



Dietrich Bonhoeffer - Wer bin ich

Gedanken zu einem Gedicht aus dem Gefängnis
Streiflichter zur Biografie


Dietrich Bonhoeffer wurde am 4. Februar 1906 als sechstes von acht Kindern in Breslau geboren. Von seinem sechsten Lebensjahr an wuchs er in Berlin auf, wo dem Vater Karl Bonhoeffer der Lehrstuhl für Neurologie und Psychiatrie und die Leitung der Universitäts-Nervenklinik übertragen worden war. Die Mutter, Paula Bonhoeffer, geb. von Hase, war eine überzeugte Christin, aufgewachsen als Tochter und Enkelin von Theologen, lebhaft, kontaktfreudig und fantasievoll. Über kleine Streiche ihrer Kinder konnte sie hinwegsehen, aber Rücksichtslosigkeit und Lieblosigkeit gegenüber anderen duldete sie nicht. Bonhoeffers Vater war zurückhaltend im Auftreten und sehr kritisch gegenüber jeder Art von Überheblichkeit. Einfachheit und Klarheit waren ihm oberstes Gebot. Dietrich Bonhoeffer hat später öfter betont, welch positive Wirkungen diese Eigenschaften der Eltern auf seine Erziehung und seinen Lebensweg hatten.

Nach Abitur und Studium hatte er mehrere Lehr- und Gemeindeaufträge im Ausland. Das Kennenlernen verschiedener religiöser Auslegungen und Kulturen prägten sein Denken stark. Einer seiner Grundgedanken war: „Jesus Christus ist die Grundlage des Glaubens. Dieser Jesus aber muss uns zum Handeln und zur Verantwortung im Hier und Heute führen.“ 1935 beendete er sein Auslandspfarramt in England und kam nach Deutschland zurück. Er leitete ein Predigerseminar, welches geschlossen wurde und er bekam Rede- und Schreibverbot. Als Kurier diente er der Widerstandsgruppe um Admiral Canaris und wurde nach den Scheitern des Attentatsversuchs auf Hitler am 5. April 1943 verhaftet. Nach dem gescheiterten Attentatsversuch am 20. Juli 1944 wurden geheime Papiere gefunden, in denen Bonhoeffer als Mitvorbereiter dieses Attentats angeklagt wurde. Einflussreiche Gönner konnten einen Prozess herauszögern, doch im März 1945 wurden auf Befehl von Hitler alle noch lebenden „Attentäter“ in einem Kurzprozess zum Tod durch den Strang verurteilt. Am 9. April 1945 wurde das Urteil in Flossenburg vollstreckt.

Im Gefängnis schrieb Bonhoeffer im Juni 1944 dieses Gedicht:

Wer bin ich

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz.
wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selber von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

...............


Diese Gedanken enden hier noch nicht. Der letzte Satz folgt. Zu mir haben diese Gedanken Bonhoeffers vor einiger Zeit sehr gesprochen. Ich stellte mir die Frage, ob „zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust“ eine unumstößliche Wirklichkeit ist. Bin ich vor Menschen ein guter Schauspieler und vor mir selber ein Versager, der sich oft etwas vormacht? Natürlich weiß ich, dass niemand sein Inneres dauernd nach außen tragen muss und darf. Erich Kästner hat einmal den Gedanken geäußert: Wenn an unserem Kopf eine Glasscheibe wäre und man in unsere Gedanken hineinschauen könnte – was gäbe es da ein Rennen nach Mattglasscheiben. Aber, die Frage sei erlaubt, wo gibt es für mich Möglichkeiten, offen, ehrlich, ohne falsche Scham aber auch ohne mich klein zu machen, ohne falsche Demut zu sein? An dieser Stelle ist mir der letzte Satz von Bonhoeffer zu seinen Gedanken wichtig geworden:

................

Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!


In meinem Gebet in der „stillen Kammer“ muss ich mich nicht verstellen. Jeden Tag nehme ich mir einige Minuten Zeit zum Stille werden vor Gott. Und hin und wieder nehme ich mir einen ganzen Tag für mich alleine, um in der Bibel zu lesen, die Tage vor meinen Augen vorbeiziehen zu lassen, meine Gedanken zu ordnen. Meine Fragen, meine Grenzen kann ich vor Gott bringen und oft erhalte ich Antworten, Wegweisungen durch ein Lied, welches mir plötzlich einfällt oder ein Wort aus der Bibel. Ich lebe im Vertrauen, dass ich Gottes Kind bin und er mich sieht und begleitet. Aus solchen Tagen der „Kontemplation“ gehe ich gestärkt und befreit wieder in meinen Alltag und erhalte Mut, auch die ungewisse Zukunft zu gestalten.
Das haben mir die Gedanken Bonhoeffers gelehrt, der wusste, dass das Gefängnis für ihn mit dem Tod enden kann. Zum Jahreswechsel 1944 / 45 hat er dann das Lied geschrieben: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag...“. Da wusste er schon, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Tod verurteilt werden würde. Natürlich blieb Hoffnung – aber die Zukunft war unsicher, dunkel. Er fand seinen Halt und Trost in dem Satz: „Dein bin ich, o Gott!“

Horst-Dieter Schultz


Dietrich Bonhoeffer gehört zu den wirkmächtigsten Theologen des 20. Jahrhunderts. Sein Widerstand gegen Hitler hat weltweit Protestbewegungen gegen Unterdrückung und Ungleichheit inspiriert. Seine Briefe aus der Haft wurden als Neubeginn der Theologie verstanden. Wolfgang Huber stellt in dem 2020 erschienenen Buch Bonhoeffers Denken in den Mittelpunkt seines wunderbar prägnanten Porträts und macht deutlich, warum die mutigen Entscheidungen des Ausnahme-Theologen auch heute Ansporn sein können.